Online 2021

Berlin, Paris, Warschau, Belfast, Bern, 30.10.2020

Für herausragendes Engagement

Die europäischen Tolerantia Awards 2021

Die europäischen TOLERANTIA AWARDS werden in diesem Jahr zum 16. Mal als Gemein-schaftspreis der Organisationen MANEO (Deutschland), SOS homophobie (Frankreich), Lambda-Warszawa (Polen) und The Rainbow Project (Nordirland) vergeben. Geehrt werden in diesem Jahr:

Dieter Reiter, Oberbürgermeister der Stadt München (Deutschland), Elise Goldfarb und Julia Layani (Frankreich), Katarzyna Augustynek (Polen) und Les Allamby (Nordirland).

Die Verleihung findet unter den besonderen Bedingungen der andauernden Corona-Pandemie statt. Aus diesem Grund kann in diesem Jahr die Preisübergabe nicht im Rahmen einer Preisverleihungszeremonie stattfinden, die ursprünglich im Oktober in Warschau geplant war. Die Preise werden in diesem Jahr im Rahmen einer Online-Übertragung am 15. Oktober um 18 Uhr (CET) vergeben…

Mit den seit 2006 jährlich vergebenen TOLERANTA AWARDS werden Personen, Einrichtungen und Gruppen für herausragendes Engagement geehrt. Ihr Engagement betont demokratische Prinzipien wie Gleichberechtigung, Solidarität, gesellschaftliche Vielfalt und Toleranz sowie Einsatz gegen Homophobie, Rassismus, gegen jede Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit im eigenen Land, in Europa und darüber hinaus. Jede Organisation wählt mit einer eigenen Jury einen Preisträgerin aus dem eigenen Land.

Die auszeichnenden Organisationen gehören der ‚EUROPEAN ALLIANCE AGAINST HOMOPHOBIA (Berlin Alliance)‘ an, die von den Organisationen aus Deutschland, Frankreich und Polen 2005 in Berlin gegründet worden war und der sich 2014 ‚The Rainbow Project‘ aus Nordirland angeschlossen hat. Gemeinsam engagieren sich die Organisationen gegen Diskriminierung und vorurteilsmotivierte Gewalt, beraten und unterstützen Opfer homophober und trans*phober Gewalt und setzten sich für gesellschaftliche Aufklärung und demokratische Grundwerte, im eigenen Land und Europa ein. Grundlage des Bündnisses ist die gemeinsam unterzeichnete „Tolerancja-Erklärung“.

Die Preisträger*innen von 2021:

Deutschland

Dieter Reiter

Foto: Oberbürgermeister der Stadt München Dieter Reiter, Tolerantia Award-Preisträger Deutschland

Stadtluft befreit, weshalb es Menschen mit einer abweichenden sexuellen Orientierung schon immer dorthin zieht. Als Oberbürgermeister der Stadt München weiß Dieter Reiter das nicht nur, er spricht auch bewusst und deutlich aus, dass eine starke LSBTIQ-Community ein wichtiger Pfeiler für eine demokratische, friedliche und weltoffene Stadtgesellschaft ist. Allein diese Worte sind bereits eine Bestärkung und Unterstützung, doch Dieter Reiter setzt sich auch darüber hinaus für gesellschaftliche Aufklärung und Toleranz sowie für Akzeptanz geschlechtlicher und sexueller Vielfalt ein. Und zwar ganz konkret: Im letzten Jahr hat der Oberbürgermeister die Anliegen der LSBTIQ-Personen in München zur Chefsache erklärt und die Koodinierungsstelle zur Gleichstellung von LSBTIQ* als persönliche Stabsstelle direkt bei sich angesiedelt. Das ist mehr als nur Symbolpolitik, denn dieser Schritt bedeutet, dass die Anliegen einer Minderheit tatsächlich ernst genommen werden – auch auf einer alltäglichen, meist nur wenig Aufmerksamkeit erregenden Ebene.

Dieter Reiter scheut aber auch nicht davor zurück, auf der großen Bühne Position zu beziehen: Im Juni dieses Jahres hat er sich persönlich an den europäischen Fußballverband Uefa und den Deutschen Fußballbund (DFB) gewandt und von beiden gefordert, nachdrücklich und sichtbar für Toleranz und Gleichstellung einzustehen, ein sichtbares Signal zu setzen und beim EM-Gruppenspiel Deutschland gegen Ungarn am 23.06.2021 eine Beleuchtung der Allianz Arena in Regenbogenfarben zu ermöglichen. Als Oberbürgermeister musste er zwar die von den Fußballverbänden gesetzten Regeln akzeptieren, doch ließ er es sich nicht nehmen, das Gewicht seines Amtes in die Waagschale zu werfen in einer Debatte, die international für Aufsehen sorgte und sehr viele Menschen beschäftigt hat.

Dieter Reiter hat sich in dieser Debatte auf die richtige Seite gestellt, nämlich auf die der Minderheiten. Und in diesem Zusammenhang hat er auch selbst noch einmal darauf hingewiesen, dass das ungarische Parlament durch mehrere Gesetzesänderungen am 15. Juni nicht nur die Rechte von LGBTIQ beschränkt hat, sondern dass diese Entscheidung „gegen die EU-Grundrechtecharta, die UN-Kinderrechtskonvention, die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte“ verstößt. Der ungarische Ministerpräsident Victor Orban hatte im Lauf der Auseinandersetzungen um die Stadion-Beleuchtung seinen Besuch in München abgesagt. Für alle anderen Menschen aber war das Wort des Oberbürgermeisters eine Einladung, in die Stadt München zu kommen. Entweder um dort zu leben oder um sie zu besuchen. Denn dort kann man sich frei fühlen.

Die deutschen TOLERANTIA AWARDS gingen bisher an: Volker Beck, Mitglied des Deutschen undestages, Grüne, und Günter Dworek, Aktivist der Lesben und Schwulen Bewegung (2006); Die Gruppe “Menschenrechte und sexuelle Identität (MERSI)” von amnesty international (2007); Philipp Lahm, Kapitän der deutschen Fußballnationalmannschaft, und Dr. Theo Zwanziger, Präsident des Deutschen Fußballbundes (DFB) und Tanja Walther, Sportwissenschaftlerin, (2008); Hans-Wolfram Stein, Lehrer in Bremen (2009); Wieland Speck und Mabel Aschenneller, TEDDY-Produzenten (2010); Lala Süsskind, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin (2011); Elfi Scho-Antwerpes,Bürgermeisterin der Stadt Köln (2012); Maria Sabine Augstein, Rechtsanwältin (2013); Cornelius„Corny“ Littmann, Hamburger Entertainer, Unternehmer und ehemaliger Vereinspräsident des FC St. Pauli (2014); Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister von Berlin a.D. (2015). Die drei evangelischen Landeskirchen Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz [EKBO], die Evangelische Kirche in Hessen-Nassau [EKHN] und die Evangelische Kirche im Rheinland EKiR, Heiko Maas, Bundesminister für Justiz und Verbraucherschutz (2017), Johannes Kram, Autor, Textdichter, Blogger und Marketingstratege (2018), Open for Business‘, ein internationales Netzwerk von Unternehmen (2019), Dunja Hayali, Journalistin (2020).

Der MANEO-Jury 2021 gehörten folgende Personen an: Christa Arnet, ehem. Mitarbeiterin in der Berliner Senatskanzlei, Pieke Biermann, Schriftstellerin und Übersetzerin, Thorsten Manske, Vizepräsident von Hertha BSC, Martin Reichert, Autor und Journalist, Dr. Berndt Schmidt, Intendant des Friedrichstadt-Palastes, André Schmitz, Kulturstaatssekretär Berlin a.D., Lala Süßkind, ehem. vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Seyran Ateş, Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin, Norbert Thormann, Unternehmer, und Bastian Finke, Leiter von MANEO, Vorsitzender der Jury.

Kontakt: Bastian Finke, Leiter von MANEO,
Mail: bastian. finke [at] maneo. de / home: www.maneo.de


Frankreich

Elise Goldfarb’s and Julia Layani’s

Foto: Elise Goldfarb und Julia Layani, Tolerantia Award-Preisträgerin Frankreich

Elise Goldfarbs und Julia Layanis Lebensläufe darzustellen ist keine leichte Aufgabe. Sie sind Wege gegangen, die ihnen offenstanden, haben aber andere selbst gefunden und erforscht. Die beiden sind seit dem Gymnasium befreundet und gründeten 2017 gemeinsam das soziale Medium für Frauen „Fraiches“, welches sich mit Inklusion beschäftigt, um somit Etiketten zu hinterfragen und Unterschiede zu pflegen.

Begierig auf neue Erfahrungen beschlossen Élise und Julia, ihr eigenes Beratungsunternehmen zu gründen und sich gleichzeitig weiterhin im Kampf für feministische und LGBTI- Rechte zu engagieren.

Im Jahr 2019 haben sie den Coming-Out-Podcast ins Leben gerufen. Dieses Projekt gibt betroffenen Menschen – aber nicht nur ihnen – die Möglichkeit, ihre Lebensgeschichten, die Entdeckung ihrer sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität sowie ihr Coming-out zu erzählen und ihre Sicht zu LGBTI-Themen darzulegen. Der Coming-Out-Podcast wurde ein großer Erfolg und hat Persönlichkeiten, mit denen sich LGBTI-Hörer identifizieren können, zu großer Bekanntheit verholfen. Indem diese Themen mit Hilfe von bekannten Persönlichkeiten verkörpert wurden, konnten auch die sogenannten „Unbetroffenen“ sensibilisiert werden. Der Podcast „Coming Out“ zeigte einerseits die Schwierigkeiten, die LGBTI-Personen durchmachen, aber auch die Unterstützung und Hilfe, die sie erhalten haben, die ihnen das Rüstzeug und Beispiele gegeben hat, Allies zu werden. Zu den LGBTI- Persönlichkeiten, die an diesem Podcast teilgenommen haben, gehören Marie Papillon, Christophe Beaugrand, Clovis, Hoshi, Fanny Salvat, Bilal Hassani usw.

Mehrere Episoden befassen sich auch mit dem Thema der Intersektionalität, ein Thema, das in der LGBTI-Community noch nicht sehr verbreitet ist.

Schließlich haben Julia und Elise beträchtliche finanzielle Unterstützung für Vereine geleistet, die sich für die Prävention und Bekämpfung von Hassreden und Hassverbrechen gegen LGBTQI Menschen einsetzen, sowie solche, die Opferhilfe leisten. So wurde im Jahr 2020 der Erlös aus dem Verkauf der ersten Staffel des Podcasts an die Streaming-Plattform Spotify, sowie an den Verein „Le Refuge“ gespendet, der Sensibilisierungsprojekte in Schulen anbietet, aber der vor allem für seine Arbeit zur Aufnahme und Unterbringung LGBTI-Jugendlichen, die von ihren Familien verstossen werden, bekannt ist. Im Jahr 2021 haben Julia und Élise beschlossen, SOS Homophobie für ihr Engagement in der Prävention von Homophobie und Transfeindlichkeit, für ihre Opferhilfe und für ihr Eintreten für gleiche Rechte, mit dem Erlös aus dem Verkauf der zweiten Staffel des Podcasts an Spotify zu unterstützen.

Durch ihre Projekte zur Sensibilisierung und zur Bekämpfung von Homo- und Transfeindlichkeit haben sich Elise und Julia in den letzten zwei Jahren als leidenschaftliche Verfechterinnen für Frauen- und LGBTI-Rechte hervorgetan.

Um ihr Engagement zu würdigen, möchte SOS Homophobie ihnen den Tolerantia-Preis 2021 verleihen und sie somit für ihre Unterstützung im Kampf gegen LGBTI-Feindlichkeit an der Seite von freiwilligen Organisationen zu danken.

Die französischen TOLERANTIA AWARDS gingen bisher an: Dr. Louis-George Tin, LSBT*- und Antirassismus-Aktivist (2006), die Theaterproduktion „Place des mythos“ (2007), Bruno Solo, Schauspieler und Fernsehproduzent (2008), Paris Foot Gay, der schwule Fußball-Club in Paris (2009), Caroline Mécary, Anwältin und Bürgerrechtlerin (2010), Olivier Dussopt und Franck Riester, Abgeordneten der französischen Nationalversammlung (2011), Véronique Eledut, Lehrerin und Aktivistin (2012), Le Petit Journal, das von Yann Barthès moderierte Fernsehmagazin (2013), „www.projet17mai.com“, das Projektteam der Webseite, das Cartoons gegen Homophobie in Frankreich zeigt (2014), Irène Théry, Soziologin und Mitglied des ‘Haut Conseil de la Famille’ (2015), Amnesty International France (2016), Stéphane Corbin, Sänger und Komponist, und Océane Rosemarie, Sängerin, Komikerin, Schauspielerin und Regisseurin (2017), Christiane Taubira, franfösische Justizministerin a.D. (2018), ‚Collective des Intersexes et Alliés (CIA)‘ (2019), Jacques Toubon und Giovanna Ricon (2020).

Kontakt: Jérémy Falédam, Präsident von ‚SOS homophobie‘
Mail: sos [at] sos-homophobie. org / home: www.sos-homophobie.org


Polen

Katarzyna Augustynek

Foto: Katarzyna Augustynek, Tolerantia Award-Preisträgerin Polen

Katarzyna Augustynek, geboren 1956, bekannt als Oma Katy mit Regenbogentasche.
Sie hat Jura studiert (Master of Laws) und ist Fremdsprachenlehrerin. Sie begann ihren Aktivismus am 3. Dezember 2015 mit einem Protest vor dem Sitz des Verfassungsgerichts. Die Verfassung, wie sie betont, war für sie immer das bedeutendste Buch. Sie verteidigt die Verfassung, lehrt darüber und wird nie aufhören, es zu tun. Ihren Regenbogen-Aktivismus begann sie bereits in der Grundschule. „Ich hatte einen Klassenkameraden, der anders war als die anderen, und weil ich auch anders war, wusste
ich, dass ich ihn verteidigen musste.“

Ende Juli 2020 verteidigte sie diejenigen, die Regenbogenfahnen an wichtigen Denkmälern aufhängten. „Ich mag sie, und sie mögen mich. Sie sind wundervolle junge Leute.“ Seitdem kämpft sie kontinuierlich für die Rechte und die Würde von LGBTQIAP-Menschen. Im November 2020 wurde sie Ehrenmitglied von „Homokomando“. Nach ihren Zukunftsplänen gefragt, antwortet sie: „Ich plane nichts. Ich reagiere.“

Die polnischen TOLERANTIA AWARDS gingen bisher an: Kazimierz Kutz, Filmregisseur und Politiker (2006), Piotr Pacewicz, Journalist und Publizist (2007), Marzanna Pogorzelska, Lehrerin und Autorin (2008), Prof. Zbigniew Hołda, Richter und Bürgerrechtler, und Izabela Jaruga-Nowacka, Politikerin und Frauenrechtlerin – postum (2010), Adam Bodnar, Jurist und Menschenrechtsaktivist, und Katarzyna Bojarska, Psychologin und Aktivistin (2012), Ewa Siedlecka, Journalistin (2013), Monika Płatek, Kriminologin und Feministin(2014); Ewa Wanat, Radio-Journalistin und Persönlichkeit im Fernsehen (2015), Ilona Łepkowska, Drehbuchautorin und Mitglied der polnischen Fernsehakademie und Präsidentin der Fernsehgesellschaft ‘Serial’ (2016), Elżbieta Szczęsna, Mitbegründerin des Vereins „Akceptacja“ (Akzeptanz), Vereinigung von Familien und Freunden von LSBT* (2017), die polnische LSBT+ Community (2018), Bartosz Staszewski, LSBT+Aktivist und Filmemacher (2019), Andrzej Selerowicz, LSBTI-Aktivist (2020).

Kontakt: Krzysztof Kliszczyński, Vorstand von ‘Lambda Warszawa’,
Mail: kkliszczynski [at] lambdawarszawa. org / Home: www.lambdawarszawa.org